Ein- und mehrdimensionale Kommunikation politischer Konflikte

(Thesen/Volker von Prittwitz/12. Februar 2011)

 

 

Eigenschaften und Potenziale des Kommunizierens

Wer Politik analysieren will, sollte die besonderen Eigenschaften und Potenziale des Kommunizierens berücksichtigen: Kommunikation ist der Austausch von Aussagen zu gegebener, vergangener oder zukünftiger Wirklichkeit, dabei auch zu Wünschen, Normen oder Verboten. Aussagen können bildhaft nachahmend (analog) ausgedrückt und erfasst werden, so durch Mimik, Gestik oder bildhafte Ausdrücke; kommuniziert werden kann aber auch in systematisch strukturierten (digitalen) Formen, so in entwickelten verbalen, schriftlichen oder mathematischen Sprachen. Anders als in der Habermasschen Theorie kommunikativen Handelns (1981) angenommen, ist Kommunikation nicht prinzipiell verständigungsorientiert; sie vollzieht sich vielmehr im gesamten Spektrum möglicher Akteurziele und Akteurkonstellationen. Möglich sind damit neben verständigungsorientierten auch strategisch-taktische, theatralische und opportunistische, so lügenhafte, Formen von Kommunikation.

Kommunikation verbessert zwar im Allgemeinen die Information der Kommunizierenden; sie kann aber auch zu Fehlwahrnehmungen und gezielten Täuschungen führen. Ihr Wirkungsspektrum ist damit äußerst vielfältig.

 

Abgrenzung von Kommunikations- und Diskursanalyse

Kommunikation umfasst als Teilform Diskurse, in denen nach subsystemisch anerkannten Funktions- bzw. Verfahrenskriterien sprachlich kommuniziert wird. Über solche Diskurse hinaus schließt Kommunikation auch nicht sprachliche sowie nicht teilsystemisch (z.B. wissenschaftlich) strukturierte Formen ein. Dies ist für die Politikanalyse von besonderer Bedeutung, weil im politischen Raum nicht sprachliche Ausdrücke etwa von Macht großes Gewicht haben. Andererseits erliegt die politikanalytische Kommunikationsforschung nicht der Gefahr, ihren Leitbegriff verschwimmen zu lassen und damit potentiell alles und nichts zu bezeichnen. So kann zwischen Kommunikation und Handeln (zum Beispiel Gesetzgebung), abgesehen von deren Signalwirkung unterschieden werden. Auch lassen sich, anders als in strukturalistischen Denkansätzen, etwa bei Foucault, Strukturen von Prozessen unterscheiden, in deren Rahmen kommuniziert wird (siehe Literaturanmerkung 2).

Kommunikationsanalyse erleichtert damit eine differenzierte Politikanalyse.

 

Kommunikationsdimensionen

Im Anschluss an Watzlawick et al. 1969 lassen sich zwei Kommunikationsdimensionen unterscheiden: a) Beziehungskommunikation über die gegenseitige Beziehung der Beteiligten und b) Sachkommunikation über gemeinsam interessierende Sachfragen, dabei möglicherweise auch Beziehungen zu Dritten. Darüber hinaus sind andere Kommunikationsformen möglich. So kann über den Verlauf der laufenden Kommunikation (reflexiv) kommuniziert werden. Schließlich können auch Zeichensysteme zum Wert und Gestaltungsobjekt an sich werden, so in Formen künstlerisch- unterhaltender Kommunikation.

 

Die Theorie der ein- und mehrdimensionalen Kommunikation

Jeder Form von Kommunikation liegt eine zumindest latente Beziehungskommunikation zwischen den Beteiligten zugrunde. Dies gilt selbst im Falle eines anonymen Publikums, auf das sich etwa ein Sprecher bezieht. Beziehungskommunikation bildet daher eine universelle Dimension von Kommunikation. Eigenständige Sachkommunikation, reflexive Kommunikation und künstlerische Kommunikation können dagegen nur bedingungsabhängig entstehen, sind also nicht universell gegeben. 

Kommunizieren Akteure ausschließlich in der Beziehungsdimension (Beispiel: Verliebt sein), entstehen Formen eindimensionaler Kommunikation. Eindimensional sind auch vordergründig sachliche Kommunikationsformen, die so stark beziehungsdominiert sind, dass sich keine eigenständige Sachkommunikation entwickeln kann (Beispiel: Autoritäre Kommunikation, in der nur die Äußerungen der Autorität ernst genommen werden, unabhängig davon, wer besseres Wissen oder bessere Ideen hat). Eindimensionale Kommunikation drückt bestehende starke Interaktionsorientierungen wie bedingungslose Liebe, Unterordnung, Hass oder Feindschaft aus und verstärkt diese in der Regel. Sie operiert dementsprechend häufig mit ausgeprägten Sollvorstellungen und asymmetrischen kommunikativen Äußerungen wie Überhöhung, Unterwerfung und Befehl; sie ist vergleichsweise einfach strukturiert und gerade in Situationen von Überkomplexität attraktiv (Beispiel: Bedeutungszuwachs einfacher, beziehungsdominierter Denkmuster wie autokratischen und religiösen Denkens in existenziellen Krisen). Formen eindimensionaler Kommunikation und entsprechende Wert- und Interaktionsorientierungen kommen allerdings an ihre Grenzen, wenn sich Kapazitäten für sachlich-reflexive Kommunikation entwickeln und sich komplexerer Kommunikationsbedarf äußert.

Mehrdimensionale Kommunikation umfasst neben Beziehungskommunikation auch eigenständige Sachkommunikation,  reflexive Kommunikation, künstlerische Kommunikation oder andere, sich möglicherweise neu entwickelnde Formen. Diese besitzen eigenständige Leistungspotentiale, beispielsweise die Anregung von Innovation. Andererseits setzt mehrdimensionale Kommunikation tragfähige Beziehungskommunikation (im Sinne des Habermasschen kommunikativen Handelns) voraus. Fehlt es daran, so kann entsprechende Kommunikation sogar missverständlich und schädlich werden (siehe Literaturanmerkung 1).

 

Konfliktbegriff und Konfliktanalyse

In einem Konflikt stoßen Akteure mit unterschiedlichen oder konkurrierenden Handlungsorientierungen, so Wertorientierungen oder Interessen, aufeinander. Hierbei lassen sich der jeweilige Konfliktinhalt, die jeweilige Konfliktstruktur (Akteurkonstellation)  und die Form des Konfliktaustrags unterscheiden. Ausgetragen werden können Konflikte in mehr oder minder gewaltsamer, offener oder verdeckter, plumper oder trickreicher Form. Politische Konflikte werden politisch ausgetragen. Dabei erkennen sich die Beteiligten gegenseitig als Akteure an, mit denen sie trotz unterschiedlicher Werte oder Interessen eine allgemein anerkannte, zumindest hinnehmbare Entscheidung suchen. Politische Konflikte in diesem Sinne grenzen sich von gewaltsam-militärischen Konflikten ab, in denen sich die Beteiligten zu beschädigen oder zu vernichten suchen. Politische Konflikte sind in liberaler Sicht eine reguläre Beziehungs- und Interaktionsform, in konflikttheoretischer Sicht ein anregendes Moment gesellschaftlicher Entwicklung. In kommunitaristischer Sicht und in einem normativen Kommunikationsverständnis erscheinen Konflikte dagegen lediglich als Handlungs- bzw. Kommunikationsanlass.

Konfliktanalyse: Politische Konflikte können wir hinsichtlich ihrer strukturellen Rahmenbedingungen bzw. Ursachen analysieren. Hierbei wird ein Ursache-Wirkungs-Modell verwendet, nach dem bestimmte strukturelle Bedingungen, beispielsweise strukturelle Verteilungsasymmetrien, zu bestimmten Konflikten führen. Häufig genutzte Methoden für derartige Analysen sind quantitative und qualitative Vergleichsuntersuchungen. Struktur-Wirkungs-Modelle bilden allerdings Prozessdynamiken und deren spezielle Einflussfaktoren nicht ab. Im Besonderen helfen sie nicht, die Entwicklung von Lösungsansätzen in Prozessen zu erfassen. Politik entwickelt sich aber in komplexen Prozessen, in denen auch situative Muster, situationsspezifische Interaktionsformen, Zufälle und Lernprozesse eine eigenständige, unter Umständen entscheidende Rolle spielen können. In einem solchen komplexeren Konfliktmodell erhalten auch politische Kommunikationsprozesse ihren Platz.

 

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation ist Kommunikation in politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen. Dabei geht es darum, ausgehend von konkurrierenden Zielen allgemein anerkannte, zumindest allgemein durchsetzungsfähige Entscheidungen zustande zu bringen. Hieraus entstehen Anforderungen politischer Sachkommunikation, etwa hinsichtlich inhaltlicher Einigungsmöglichkeiten und deren sachlicher Begründungen, aber auch Anforderungen politischer Beziehungskommunikation, so interne Kommunikationsanforderungen politischer Gruppen (Netzwerke, Verbände, Parteien). Gerade im öffentlich-politischen Raum müssen Akteure und Akteurbeziehungen erkennbar werden, eine Art theatralischer Voraussetzung von Politik. Geht politische Beziehungskommunikation in Freund-Feind-Kommunikation über, droht Politik allerdings ihren spezifischen gemischtmotivationalen Charakter zugunsten von Krieg zu verlieren.

 

Situatives Kommunizieren

Welchen Einfluss politisches Kommunizieren hat und wie politische Akteure kommunizieren, wird durch die jeweiligen Situationsbedingungen beeinflusst:

1) Je größer und gleichgewichtiger die Handlungskapazitäten der Beteiligten sind, desto eher können Kommunikationsprozesse das Gelingen politischer Konfliktbewältigung entscheidend beeinflussen. Denn damit werden Konflikte verlaufs- und ergebnisoffener.

2) Je größer der sachliche Bereich übereinstimmender Interessen (Pareto-Sektor) in einer Situation ist, desto wahrscheinlicher wird produktive Sachkommunikation. So kommunizieren die an einer Regierungsbildung Beteiligten zumindest zunächst in der Absicht zusammen zu regieren, also gegenüber anderen Parteien und in der Öffentlichkeit als ein Akteur zu erscheinen. Dementsprechend wird versucht werden, möglichst keine Information über Konflikte an die Öffentlichkeit dringen zu lassen und untereinander in solidarischer Wir-Perspektive zu kommunizieren.

3) Koordinationsprobleme mit Verteilungskonflikt lassen sich durch Verhandeln und Argumentieren vergleichsweise leicht managen, wenn zur Lösung ausreichende Kapazitäten (Zeit, teilbare Güter) aufgebracht werden. Denn dabei (Battle of the Sexes) überwiegen die gemeinsamen Nutzenkalküle.

4) In Machtsituationen, insbesondere Situationen, in denen führende Akteure zur Abwehr einer allgemeinen Gefahr legitimiert werden (Gefahrenabwehr), gewinnen asymmetrische Kommunikationsformen an Bedeutung. Hierzu gehören Anweisungen und Proklamationen der Regierenden an die Allgemeinheit, Geheimhaltung regierungsinterner Kommunikation sowie ein Zuwachs an Kontrollmacht für die Herrschenden. Bei autokratischer Herrschaft dominieren, soweit es die grundlegende Herrschaftsstruktur angeht, beziehungsdominierte, potentiell eindimensionale Kommunikationsformen. Operativ (wie soll regiert werden?) kann dabei aber auch sachlich und sogar reflexiv kommuniziert werden.

5) Solange ein Vertrauensdilemma zwischen Akteuren besteht - die Beteiligten würden dem Anderen gerne vertrauen, müssen aber damit rechnen, ausgebeutet zu werden - ist Kommunikation kein sicheres Mittel der Problemlösung, denn es kann opportunistisch, beispielsweise lügnerisch, kommuniziert werden. Lösungschancen durch Kommunikation ergeben sich aber in dem Maße, in dem praktische Situationsveränderungen, beispielsweise einklagbare Rechte, in einem längeren Interaktionsprozess entstehen.

6) In Nullsummenkonflikten entsteht leicht Freund-Feind-Kommunikation. Bei asymmetrischer Einfluss-Struktur wird Kommunikation dabei häufig unterdrückerisch eingesetzt (einseitige Kontrolle, Informationserhebung). Haben die Beteiligten ähnlich große Kapazitäten, wird dagegen häufig versucht, sich gegenseitig durch Desinformation und Lüge zu schwächen. Ein Übergang zur Suche nach Kompromissen setzt üblicherweise stille Veränderungen der Akteurkonstellation, beispielsweise beidseitig stark wachsende Kosten der Konfrontation, voraus.

7) Je mehr untergeordnete Akteure an einem Koordinationsprozess beteiligt sind, desto größeres Gewicht erhalten eigenständige Positionsinteressen. Zudem haben nur Spitzenakteure die Macht zu übergreifenden Paketlösungen. Deshalb sind Verhandlungslösungen am ehesten von Spitzenakteuren zu erwarten.

8) Längere Kommunikationsprozesse wirken in politischen Konflikten schon deshalb produktiv, weil sie Kosten für die Beteiligten bedeuten, denen irgendwann produktiver Nutzen gegenüber stehen muss. Kommunikative Synergien, zum Beispiel zwischen Argumentieren und Humor, wirken verstärkend. Allerdings determiniert auch zunehmende Kommunikationsdauer noch keine produktive Konfliktlösung. Vielmehr können sich immer auch negative Dynamiken, so Konflikteskalation oder gar Abbruch, entwickeln. Dies gilt insbesondere bei starren Konfliktstrukturen.

9) In konfliktbezogenen Kommunikationsprozessen spielen nicht nur kurzfristige Akteurkonstellationen und situationsbezogene Kommunikationsformen eine Rolle, sondern auch längerfristige Glaubwürdigkeit und Ausstrahlung. Umgekehrt können sich Niederlagen, die einem „Gegner“ in einer Situation beigebracht werden, später rächen.

10) Institutionalisierte Formen der Konfliktbeilegung, wie Mediation oder Schlichtung, unterliegen den hier angegebenen Zusammenhängen genauso wie nicht institutionalisierte Kommunikationsformen.

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Literatur-Anmerkungen

1) Die Theorie der ein- und mehrdimensionalen Kommunikation wurde in Auseinandersetzung mit Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns (Frankfurt am Main 1981)  im Anschluss an Watzlawick, Paul/Beavin, Janet, H./Jackson, Don D. (1969): Menschliche Kommunikation, Bern, entwickelt: Siehe Prittwitz, Volker von (1996a): Verständigung über die Verständigung, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) 1/1996, S.133-147, ders. (1996b): Verhandeln im Beziehungsspektrum eindimensionaler und mehrdimensionaler Kommunikation, in: ders. (Hrsg.): Verhandeln und Argumentieren, Opladen, S. 41-68; Prittwitz, Volker von (2005): Mehrdimensionale Kommunikation als Demokratiebedingung (Vortrag im WZB): http://www.volkervonprittwitz.de/mehrdimensionale_kommunikation.htm  sowie ders. (2007): Vergleichende Politikanalyse, Stuttgart 2007 (UTB 2871), S. 148-156.

2) Zu unterschiedlichen Diskurskonzepten siehe Kerchner, Brigitte (2006): Diskursanalyse in der Politikwissenschaft. Ein Forschungsüberblick, in: Brigitte Kerchner/Silke Schneider (Hrsg.): Foucault. Diskursanalyse der Politik. Eine Einführung, Wiesbaden 2006, S. 33-67.  

Autor: Prof. Dr. Volker von Prittwitz/Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft/Freie Universität Berlin: vvp@gmx.de, www.volkervonprittwitz.de